Unser altes Vereinswappen
Damals....
Wie war das damals, als die Herrenberger Hundefreunde ihren Verein gründeten? Wir schreiben das Jahr 1920. Es ist nicht einmal zwei Jahre her, daß Deutschland den ersten Weltkrieg verloren hatte. Hunderttausende enttäuschter deutscher Soldaten waren in die Heimat zurückgekehrt. Der deutsche Kaiser hatte 1918 abgedankt und das Land verlassen.
Der König ist also fort und an die Stelle der beliebten Monarchie treten politische und wirtschaftliche Unsicherheiten. Die Deutschen haben noch keine Erfahrung mit der Demokratie. Revolutionäre Arbeiterräte versuchen, die Macht zu übernehmen. Vielerorts herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Die in der Monarchie gewohnte Ordnung geht verloren.
Vor allem hatte sich auch der allseits beliebte württembergische König Wilhelm II. nach Bebenhausen zurückgezogen. Er hatte nicht etwa abgedankt, weil die Bevölkerung das wollte, oder weil er gezwungen wurde, sondern weil ein paar Hitzköpfe den Leutnant Karl Botsch von der Schloßwache tätlich angegriffen hatten, und der König wollte kein Blutvergießen.
Er war bei der ganzen Bevölkerung beliebt gewesen. Selbst der führende württembergische Sozialdemokrat Wilhelm Keil schrieb 1916 in der Zeitung seiner Partei, daß er sich in der zukünftigen Republik Württemberg keinen besseren Präsidenten vorstellen könne als König Wilhelm II.
Viele ehemalige Soldaten sind arbeitslos. Der Versailler Vertrag, durch den die Deutschen die Kriegsschuld teuer bezahlen sollen, beginnt die Wirtschaft zu lähmen. Die Zukunft sieht düster aus. In dieser Leere und Hoffnungslosigkeit suchen die Menschen Schutz und Zuflucht in neuen Formen der Gemeinschaft. Nie zuvor sind in Württemberg so viele Vereine und Gruppen aktiv wie in den ersten Jahren nach dem Weltkrieg 1914-18.
Es entstehen z.B. in Herrenberg: Der Fußballverein, der jetzt zum VfL gehört; ein Gesellenverein; ein Jagdverein. Das Frauenturnen beginnt im Turnverein. Zahlreiche christliche und soziale Gruppen werden wieder aktiv.
Auch die Hundefreunde kommen zusammen, um ihre Anliegen in der Gemeinschaft Gleichgesinnter zu erörtern. Dazu muß man wissen, daß die uns so geläufigen Tierschutzgesetze weitgehend noch unbekannt
sind. Eine Folge davon ist der auch in Herrenberg florierende unkontrollierte Tierhandel, Im Gäu- und Ammertalbote steht beispielsweise am 1.3. 1919:
„Herrenberg, nächsten Sonntag, 2. März, große Hundebörse, wozu einladet Junger z. „Stadt““
Ähnliche Anzeigen liest man häufig, und der Handel floriert. Am 23. 5. 1919 kann man z. B. lesen:
„Verkaufe zweieinhalb Jahre alten scharfen Schäferhund.“
Warum trennt sich der Hundehalter nach zweieinhalb Jahren von seinem Tier? Wer hat den Hund „scharf" gemacht und wie? Anzeigen über entlaufene Hunde jeden Alters stehen fast täglich in der Zeitung. Das läßt nicht gerade auf ein liebevolles Umgehen mit den Vierbeinern schließen.
Schließlich ist zu vermuten, daß viele Kriegsveteranen an der Front das vertraute Zusammensein zwischen Mensch und Hund kennengelernt hatten, denn da das Fernmeldewesen noch in den Anfängen steckte, wurden Hunde intensiv als Meldehunde eingesetzt; übrigens auch zu Sanitätsdiensten. Die Tiere wurden z. T. regelrecht eingezogen und in speziellen Schulen ausgebildet.
Im Gäu- und Ammertalboten steht am 11. 3. 1918:
„Hunde an die Front! Erneuter Aufruf an Besitzer von Schäferhunden, Dobermann, Pinscher, AiredaleTerrier, Rottweiler, Boxer und Pudel, ihre Hunde bei der Kriegshundemeldestelle Stuttgart zur Meldung
zu bringen. Ziel: Einsatz als Meldehunde an der Westfront. Jeder Hund ersetzt einen Mann!“
All dies führt dazu, daß sich die Hundefreunde im Bereich des Oberamt Herrenberg zusammenfinden, um in organisierter Form ihrem Hobby nachzugehen.
Die Gründerjahre.....
Am 28. Mai 1920 erscheint im Gäu- und Ammertalboten eine Anzeige mit dem Inhalt:
„Sämtliche Hundefreunde von Herrenberg und Umgebung werden auf Sonntag, 30. ds. Monats nachmittags 4 Uhr zwecks Gründung einer Bezirksgruppe des Bundes württembergischer kynologischer Vereine in den
Gasthof zum Hasen hier eingeladen. Der Vorsitzende des Bundes württembergischer kynologischer Vereine, F. Bazille, aus Stuttgart wird sich zu der Versammlung hier einfinden und u. a. über die Frage
referieren: Welche Aufgaben werden an einen allgemeinen kynologischen Verein zur Rassehundezucht gestellt - Herr Direktor Kirchberger wird über den Zweck der Gründung einer Bezirksgruppe
sprechen.
Herrenberg, 27. Mai 1920, Oskar Ansel“
Das organisierte Hundewesen in Herrenberg beginnt also offiziell am Sonntag, 30. 5. 1920, als sich die Hundefreunde im Gasthof Hasen versammeln. Natürlich wird die von Oskar Ansel vorgeschlagene Bezirksgruppe auch gegründet. Die Vorträge der Herren Bazille und Kirchberger müssen sehr interessant gewesen sein, denn der Gäu- und Ammertalbote berichtet ausführlich darüber. Besonders betont wird bei diesen Vorträgen wie auch im Vereinsleben der ersten Jahre die Rassehundezucht.
Und aktiv ist die neue Gruppe auch: Schon am 18.7.1920 findet die erste Hundeschau statt. Die Stadt Herrenberg stiftet dazu nach lebhafter Beratung im Gemeinderat einen Ehrenpreis von 100 M. Leider sind keine Einzelheiten über diese Ausstellung bekannt.
Wie schon gesagt, beschäftigen sich die damaligen Hundevereine fast ausschließlich mit der Rassezucht. Nur zögernd erkennt man, daß die „Dressur" - wie man damals immer sagte - nicht vernachlässigt werden darf. Aber es ist auch schwierig, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Es gibt noch kein Übungsgelände. Völlig unbekannt sind damals noch Prüfungsordnungen, wie wir sie jetzt z. B. für Schutz- und Begleithunde haben. Ein Vereinsheim ist natürlich auch nicht vorhanden.
Die Hundefreunde treffen sich deshalb zu den „Monatsversammlungen" in den Gaststätten der Mitglieder. Diese Versammlungen haben eine fast ähnliche Funktion wie heute die Jahreshauptversammlungen: Wichtige Entscheidungen werden getroffen, z. B. über den Mitgliedsbeitrag oder über sportliche Aktivitäten; sogar über die Aufnahme neuer Mitglieder entscheidet die ganze Versammlung.
In einer dieser Versammlungen - im Hotel zur Post am Herrenberger Marktplatz - gründet die Bezirksgruppe am 19. September 1920 eine Dressurabteilung. Die Leitung übernimmt Polizeiwachtmeister Schelling. Über ihn wird noch zu berichten sein, denn er muß ein sehr aktiver und vielseitig interessierter Hundefreund gewesen sein.
Über die Teilnahmezahl bei der Gründungsversammlung ist nichts bekannt, aber bereits Ende 1920 soll die Bezirksgruppe über 100 Mitglieder gehabt haben.
Am Rande sei erwähnt, daß auch schon damals das leidige Thema der säumigen Beitragszahler die Gemüter bewegt. So erscheint im Gäu- und Ammertalboten in der Einladung zu dieser Monatsversammlung
ein nota bene:
„Gleichzeitig werden die mit ihren Beiträgen rückständigen Mitglieder aufgefordert, dieselben bis zum 20. ds. Monats an den Kassier zu entrichten.“
Genau drei Monate später, am 19. Dezember 1920, ist wieder eine Versammlung. Zum erstenmal wird der Ruf nach einem selbständigen Verein laut. Der Bericht darüber in der Zeitung klingt sehr
friedlich, aber wer zwischen den Zeilen liest, kann fast hören, daß es sehr laut zuging. Da steht z. B. im Gäu- und Ammertalboten am 21. Dezember:
„...fast die gesamte Vorstandschaft glänzte durch Abwesenheit ... Die Versammlung wurde nach einigem hin- und herzitieren von Sportsfreund Baur eröffnet, welcher jedoch nicht darauf vorbereitet war,
sondern blos in die mißliche Lage eingriff.“
Immerhin ist aber auf der Versammlung Herr Baron von Gärtringen anwesend, der offenbar sehr nützliche Vorschläge für einen selbständigen Verein macht. Natürlich kommen auch aus den Reihen der
Teilnehmer Anregungen oder neue Ideen, die aber nie verwirklicht werden konnten:
- Schnauzer und Pinscher sollen im Rattenfang geübt werden. - Zur Ausbildung von Jagdhunden soll ein „Schliefplatz" angelegt werden. Das ist ein - inzwischen verbotener - künstlicher Fuchsbau, aber
mit lebenden Füchsen.
Es ist nun nur noch eine Frage der Zeit, wann Herrenberg einen selbständigen Hundeverein bekommen wird. Die notwendige Bewegungsfreiheit zur Realisierung eigener Ideen ist nur zu erhalten, wenn
man unabhängig vom Bund württembergischer kynologischer Vereine ist. Am Dreikönigstag 1921 ist es dann soweit. Leider ist über die Versammlung, die an diesem Tag stattfindet, kein Bericht erhalten.
Stellvertretend sei daher die Anzeige vom 4.1. 1921 zitiert:
„Württembergischer kynologischer Verein, Bezirksgruppe Herrenberg. Die Hauptversammlung des Vereins findet am 6. Januar ds. Js. (Erscheinungsfest) nachmittags 2 Uhr im Gasthof zum Hasen statt.
Tagesordnung:
1. Abstimmung über die Selbständigkeit der Bezirksgruppe.
2. Abhalten der Schau am 14.3. 1921.
3. Errichten von Schliefen für Dachshunde.
4. Anmeldung von Hunden zum Abrichten an den Dressurleiter.
5. Neuwahlen.
Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung wird um zahlreiche Beteiligung gebeten.
Der Vorstand“
Wir müssen davon ausgehen, daß die Versammlung mehrheitlich für die Selbständigkeit der Bezirksgruppe gestimmt hat, denn von nun an erscheint in den Anzeigen und Berichten nur noch die Überschrift: Verein für Hundezucht und -sport Herrenberg und Umgebung. Punkt 1 der Tagesordnung wird also angenommen. Dagegen wird Punkt 3 der Tagesordnung abgelehnt; die Ausbildung zu Jagdhunden ist nie mehr ein Thema für den Verein gewesen.
Unter Punkt 5 wird Sportfreund Heinrich Leibfried zum ersten Vorsitzenden gewählt. Er leitet den Verein bis 1925. Zweiter Vorsitzender wird Metzgermeister Burkhardt, Kassier wird W. Rivinius, Schriftführer S. Leins und - wie nicht anders zu erwarten - Dressurleiter Wachtmeister Wilhelm Schelling. Wie bisher finden regelmäßig Monatsversammlungen in den Herrenberger Gaststätten und in der Umgebung statt. Selbst die Bahnhofsrestauration dient einmal als Treffpunkt.
Der junge Verein bereitet vor allem die erste Hundeschau vor, die zwar nicht - wie in der Hauptversammlung Punkt 2 geplant - im März, sondern erst im Juli stattfindet. Es ist eine „Pfostenschau", wie man damals kleinere Hundeausstellungen nennt, die vom Bundesverband nicht weiter registriert werden. Sie gibt es jetzt nicht mehr. Die großen, sozusagen offiziellen Ausstellungen heißen damals „Katalogschauen".
Die Schau findet im Hasengarten statt. Es sind nur Hunde von Vereinsmitgliedern zugelassen. Der Zulauf ist enorm: statt der geplanten 50 Hunde werden 94 Hunde den Richtern vorgeführt, und das, obwohl das Standgeld 3 M beträgt. Es ist ein heißer, sonniger Tag, und dadurch ist es kaum möglich, die unerwartet vielen Hunde im kühlen Schatten unterzubringen. Es gibt zwar viele Ehrenpreise, aber nicht alle Teilnehmer können bedacht werden.
Aus heutiger Sicht dürfen wir über die Schlußsätze in der Nachlese zur Ausstellung im Gäu- und Ammertalboten schmunzeln:
„Es ist deshalb besonders darauf hinzuweisen, was hauptsächlich für Züchter gilt, bei Züchtung ja recht vorsichtig zu sein, und nicht blos an das Geldmachen zu denken, sondern etwas Rechtes zu
züchten.“
„Ebenso umgekehrt, wer einen Hund kauft, soll sich vorher genau ansehen, was er kauft, ein Rassehund frißt auch nicht weiter als ein Kreuzungshund.“
Der größte Erfolg dieser Pfostenschau ist wohl das Interesse, das der neue Verein in der Bevölkerung findet: Ende 1921 hat der Verein bereits 145 Mitgliedern.
Der Vorstand des Vereins hat natürlich auch die wichtige Aufgabe, die Vereinssatzung vorzubereiten und die Zustimmung der Mitglieder einzuholen. Die erste Satzung trägt das Datum 1. November 1921.
Sie kommt mit neun Paragraphen aus, während die heutige Satzung siebzehn Paragraphen benötigt, um die Rechte und Pflichten der Mitglieder zu beschreiben. Dementsprechend sind die Texte der ersten
Satzung einfach und leicht verständlich gehalten. Z. B. steht in § 2:
„Als Mitglieder können nur solche Herren und Damen aufgenommen werden, von welchen vorausgesetzt ist, daß sie dem Interesse und Ansehen des Vereins nicht schaden können. Gewerbsmäßige Hundehändler
finden keine Aufnahme.“
Wer Mitglied werden will, muß außerdem 3 M Eintrittsgeld zahlen, und einen Jahresbeitrag von 12 M entrichten. Aber diese Beträge werden in der Folgezeit oft geändert, vor allem wegen der sich schon bald andeutenden galoppierenden Inflation, die ihren Höhepunkt 1923 erreicht.
Natürlich gehört in die Satzung auch ein Absatz über eine eventuelle Auflösung des Vereins. Dieser Fall ist zum Glück nicht eingetreten, aber die Formulierung im § 8 wirft ein bezeichnendes Licht
auf die damalige Zeit:
„Bei einer eventuellen Auflösung des Vereins fällt das Vereinsvermögen dem Bund württembergischer kriegserblindeter Krieger zu.“
Ende 1921 - genau am 18. Dezember 1921 - hält der Verein seine Jahresversammlung ab, auf der der Vorstand zum erstenmal Rechenschaft ablegen muß. Die Versammlung im Hotel zur Post am Herrenberger Marktplatz verläuft, soweit wir wissen, harmonisch ab. Natürlich freut man sich noch einmal über die gelungene Pfostenschau im Juli. Auch der Kassier kann einen erfreulichen Bericht liefern; Von der Pfostenschau bleibt ein Überschuß von rund 650 M. Der Überschuß fürs ganze Jahr 1921 beträgt 1177,60 M, und das, obwohl von 1920 noch ein Verlust von 95 M zu tragen ist. Trotz dieses Erfolges tritt der Kassier Rivinius - wohl wegen Arbeitsüberlastung - zurück. Sein Nachfolger wird E. Greiß.
Auch der Dressurleiter Schelling kann über ein erfolgreiches Jahr berichten. Im Rahmen einer Hundeausstellung im Juli hatte er eine Dressurvorführung organisiert, die viel Interesse fand. Es war ihm auch gelungen, einen behelfsmäßigen Übungsplatz beim alten Herrenberger Friedhof an der Gültsteiner Straße einzurichten. So hatte am 11. September 1921 der erste Dressurkurs beginnen können. Aber - wie gesagt - Dressur war damals eine Nebenerscheinung der Rassezucht, erfolgreiche Dressurarbeit gibt es erst allmählich in den folgenden Jahren.
Das erste Jahrzehnt.....
Am 22. Januar 1922 beginnt bereits der zweite Dressurkurs. Sportfreund Schelling und der Dressurwart Friseur Rivinius leiten die Kurse. Die Nachfrage ist so groß, daß die Anmeldungen begrenzt
werden müssen:
"...können nur gut veranlagte große Hunde im Alter von 8 - 16 Monaten angemeldet werden,"
so steht es in der Zeitungsanzeige. Überhaupt ist Wilhelm Schelling vielseitig mit Hundethemen beschäftigt. Er hat z. B. auch eine Agentur der Hunde-Lebensversicherungs AG Süddeutschland. Er bietet
Hunde-Lebensversicherungen und Hunde-Diebstahlversicherungen an.
Natürlich findet jährlich eine Hundeschau statt, wie es auch die Satzung vorschreibt. 1922 kommen zum erstenmal auch Hunde aus benachbarten Hundevereinen. Die Rassehundeschau, die am 5. Juni 1922 stattfindet, wird allein von 30 Hunden aus Nagold beschickt, der Tübinger Verein und der aus Feuerbach kommen ebenfalls mit großem Aufgebot.
Das ist ein Zeichen dafür, daß sich an vielen Orten die Hundezüchter und -sportler zusammenschließen. Als äußeres Zeichen dafür taucht in den Berichten immer stärker der Wunsch auf, einen Gauverband Herrenberg-Tübingen-Rottenburg zu gründen. Dies geschieht dann am 1. Oktober 1922. Der Gau erhält den Namen Ammer-Neckargau. In den Statuten ist festgelegt, daß die einzelnen Vereine ihre volle Selbständigkeit behalten, daß aber, wenn notwendig, gemeinsam vorgegangen werden soll.
In der Monatssitzung am 15. Oktober 1922 wird das Aussehen des Vereinsabzeichens diskutiert. Geplant ist der Kopf eines Leonberger Hundes. Aber - wie es kurz im Bericht des Schriftführers heißt - das Abzeichen konnte nicht rechtzeitig beschafft werden, woraufhin man sich auf das Herrenberger Stadtwappen als Symbol des Vereins einigt. Um das richtig zu verstehen, muß man wohl bedenken, daß damals die drucktechnischen Hilfsmittel sehr beschränkt waren, man konnte nicht einfach auf fotografischem Wege Druckvorlagen erstellen. Übrigens ist das Stadtwappen auch jetzt noch das Vereinsabzeichen.
Das Jahr 1923 beginnt mit einer deftigen Beitragserhöhung: Die neue Aufnahmegebühr beträgt 50 M, der Jahresbeitrag 300 M. Die galoppierende Inflation ist im Kommen! Aber der Verein läßt sich nicht entmutigen. Zwei große Veranstaltungen werden vorbereitet.
Zunächst lädt der Verein zu einer großen Dressurvorführung am 24. Juni 1923 ein. Über den Verlauf liegt ein ausführliches Protokoll des damaligen Schriftführers E. Greiß vor, das hier auszugsweise
wiedergegeben sei:
"Am Sonntag veranstaltete der Verein für Hundezucht & -sport Herrenberg & Umgebung eine öffentliche Vorführung von Schutz- & Begleithunden. Die Vorführung begann um 3 Uhr nachmittags. Die
Sportfreunde zeigten durch guten Besuch reges Interesse an der Vorführung. Es war wirklich staunenswert, was von den neun vorgeführten Hunden geleistet wurde, zudem dieselben erst drei Monate
Ausbildung hinter sich haben.
Der deutsche Schäferhund Hasan von Hexenkessel, Besitzer Schutzmann Schelling, Führer Eugen Bötinger Herrenberg, als erster lieferte eine vorzügliche Arbeit, im Folgen bei Fuß, angeleint & frei, ablegen. Besonders schön war das Freisuchen, Hasan leistete eine sehr gute Spurenarbeit, gut angesetzt geht der Rüde tadellos, sucht richtig, mit tiefer Nase dabei voller Temperament & Eifer, er findet, bringt & gibt ab. Ebenfalls war eine schöne Mannarbeit zu sehen. Hasan ist unbedingt hieb- & schußfest & springt mit Leichtigkeit über die Bretterwand. Er scheint den richtigen Führer gefunden zu haben. ...
Der Dobermann Argo v Ammertal, Besitzer Bahnhofsvorsteher Ruf Gültstein, Führer Wilhelm Rivinius Herrenberg ... ist sehr fleißig, arbeitet im allgemeinen sehr gut, beim Suchen geht er sehr schön weg & hält die Spur. Voller Aufmerksamkeit begleitet und bewacht er den Verbrecher. Ein Fliehen im Ernstfall wäre dem Verbrecher nicht zu raten. Bei der Arbeit am Mann bewährt er sich sehr gut ...
Der Halbhund (= Mischling) Max, Führer & Besitzer Maier Kuppingen, ein schneidiger Draufgänger, zeigte schöne Mannarbeit, läßt sich den zu bewachenden Gegenstand nicht nehmen & lieferte eine sehr schöne Spurenarbeit, er apportiert mit Vorliebe & hat eine sehr gute Nase, das bewiesen die Proben auf Witterungsübereinstimmung. Trotz der Schwere springt Max mit Vorliebe über die Wand..."
Dieses Protokoll ist so ausgiebig wiedergegeben worden, weil hier zum erstenmal in der Vereinsgeschichte detailliert über eine Dressurvorführung berichtet wird. Erstaunlich ist, daß trotz der Priorität der Rassezucht über die erfolgreiche Dressur von Mischlingen berichtet wird. Im übrigen zeigen die Kommentare, daß es bereits damals alle Elemente der heutigen Schutzhundprüfungen und sogar noch einiges mehr bei der Dressur gibt. Es ist eigentlich schade, daß 1923 noch keine Prüfungsordnungen existierten.
Diese Dressurvorführung gehört zu den Höhepunkten des Jahres 1923, dennoch ist das Hauptziel des Vereins nach wie vor die Rassezucht. Auch für 1923 soll deshalb eine Hundeausstellung vorbereitet werden, zumal eine jährliche Ausstellung in der Satzung vorgeschrieben ist. Es wird dann aber in einer der Monatsversammlungen beschlossen, diese Veranstaltung im Rahmen des im vergangenen Jahr gegründeten Neckar-Ammergau durchzuführen.
So zeichnet dann der Hundeverein Tübingen verantwortlich für eine große Pfostenschau am 15. Juli 1923 in den Räumen des Tübinger Schlachthauses. (Was müssen die Hunde für Gerüche genossen haben!). An der Vorbereitung und Durchführung beteiligten sich die Vereine von Herrenberg und Rottenburg, also der ganze Neckar-Ammergau.
In der Monatsversammlung des Herrenberger Vereins am 8. Juli 1923 ruft der erste Vorsitzende, Sportfreund Leibfried, noch einmal zur Teilnahme auf. Das liest sich im Protokoll des Schriftführers
so: Punkt 6 Verschiedenes. Der Vorsitzende bat die Mitglieder, unseren Verein bei der am kommenden Sonntag in Tübingen stattfindenden Schau würdig zu vertreten. Ausser dem Vereinsehrenpreis wurden
noch verschiedene Preise sowie Geldgaben aus dem Mitgliederkreis hinzugespendet. Es ist nicht bekannt, ob der Aufruf von Sportfreund Leibfried Erfolg gehabt hat und wie der Verlauf der Pfostenschau
war. Aber ein herzliches briefliches Dankeschön der Tübinger an die Herrenberger ist erhalten geblieben und hat - als Dokument der galoppierenden Inflation - historischen Wert:
"Tübingen, 17. August 1923 An den Verein für Hundesport und -zucht Herrenberg Der Verein für Rassehunde Tübingen hat in seiner gestern stattgefundenen Ausschußsitzung beschlossen, von seinem geringen
Überschuß von der Pfostenschau den Vereinen Herrenberg und Rottenburg in ihre Vereinskasse je den Betrag von 50000 M - fünfzigtausend Mark - zu übergeben und ihnen gleichzeitig für die freundliche
Mithilfe bei der Schau verbindlichsten Dank abzustatten. Eine frühere Erledigung war nicht möglich, weshalb ich die Verspätung zu entschuldigen bitte. Weitere 50000 M für die Gaukasse lege ich bei
und erbitte tunlichst bald Gesamtquittung, Postkarte genügt. Mit Sportsgruß! Rothacker
Die Entschuldigung wegen der Verspätung hat nicht bloß Höflichkeitscharakter. Man kann nämlich annehmen, daß in den anderthalb Monaten zwischen der Veranstaltung und dem Brief der Wert des Geldes auf die Hälfte oder weniger gesunken ist.
Wie an diesem Beispiel zu lesen, wachsen die Geldbeträge, über die im Verein gesprochen wird, langsam ins Astronomische. Z. B. wird in der Monatsversammlung September 1923 beschlossen, den Mitgliedsbeitrag pro Jahr auf 3 Millionen Mark und die Aufnahmegebühr auf 1 Million Mark zu erhöhen.
Am 2. Dezember 1923 kommen die Vereinsmitglieder zu ihrer Jahreshauptversammlung oder „Generalversammlung" zusammen. Herr Leibfried berichtet noch einmal über das abgelaufene Jahr mit der gut besuchten Dressurvorführung und mit der Schau in Tübingen. Zahlreiche Mitglieder sind neu hinzugekommen, der Verein hat jetzt 168 Mitglieder, über lange Zeit die höchste Mitgliederzahl. Das liegt daran, so Leibfried, daß der Verein Vertrauensleute ernannt hat, die in den einzelnen Orten Mitglieder werben und Beiträge kassieren (damals war der Mitgliedsbeitrag noch vom Verein abzuholen!). Der Kassier berichtet über gewaltige Beträge. Der Überschuß am Jahresende 1923 beträgt: 6 275 490 518,- Mark.
Aber nun muß endlich auch einmal gesagt werden, was man sich dafür eigentlich kaufen kann: Genau am 2. Dezember 1923 kostet
ein Laib Brot 399 Milliarden Mark
ein Ei 320 Milliarden Mark
ein Kg Kartoffeln 90 Milliarden Mark.
Aber eigentlich ist das Schnee von gestern, denn am 15. November 1923 hat die Reichsregierung eine „Währungsreform" durchgeführt: Sie hat sich verpflichtet, kein zusätzliches Geld mehr zu drucken, und 1 Billionen Mark altes Papiergeld in eine Rentenmark umzutauschen. Die Bevölkerung gewinnt allmählich Vertrauen in die neue Währung und benutzt die Rentenmark wie die auch immer schon geltende Goldmark als stabiles Zahlungsmittel.
So erklärt es sich, daß auf eben jener Hauptversammlung vom 2. Dezember 1923 der Beitrag für 1924 festgelegt wird auf eine Goldmark, die Aufnahmegebühr beträgt 50 Goldpfennige. So geht der
Herrenberger Verein für Hundezucht und -sport, der nun wohl etabliert und angesehen ist, ins nächste Jahr. Aber, wie das immer so ist: auf Jahre des Aufschwungs folgen Jahre der Konsolidierung oder -
schärfer formuliert - der Schwierigkeiten. So auch bei den Herrenbergern. In der Hauptversammlung Dezember 1924 wird über mangelnden Besuch der Veranstaltungen geklagt; und das, obwohl die
Monatsversammlungen sowieso nur noch jeden dritten Monat stattfinden. Beitragszahler sind vielfach im Rückstand, Mitglieder treten aus. Größere Veranstaltungen werden nicht verzeichnet. So klagt denn
auch der Schriftführer Eduard Greiß in seinem Bericht Ende 1924:
"... Es ist sehr bedauerlich, heute feststellen zu müssen, daß seit Beginn der stabilen Währungsverhältnisse eine große Interesselosigkeit in den Reihen unserer Mitglieder eingerissen hat. Es geht
klar daraus hervor, daß viele Mitglieder in unserem Verein sind, die nicht aus Liebe zu ihrem Vierbeiner, sondern aus persönlichen Gründen während der Inflation ihren Beitritt erklärt haben."
Einladung zur großen Ausstellung 1925
Der Höhepunkt des Jahres 1925 ist zweifellos die erste Katalogschau in Herrenberg, also eine große Rassehundeausstellung mit Beteiligung wohl aus ganz Württemberg. Das übliche Ausstellungsgelände
Hasengarten reicht nicht aus. Deshalb wird von der Stadt die Turnhalle (jetzt: Alte Turnhalle) angemietet. Natürlich sind die Vorbereitungen und die Durchführung wesentlich umfangreicher als bei
einer kleinen Pfostenschau. Anscheinend haben aber viele freiwillige Helfer mitgemacht. Denn der Bericht des Schriftführers in der Jahreshauptversammlung ist voll des Lobes:
"... Schnell verging die Zeit, inzwischen wurden vom Geschäftszimmer aus nach allen Richtungen Einladungen, Plakate und Anmeldeformulare verschickt, Standgelder einkassiert & zuletzt in allen
bekannten Zeitungen Anzeigen veröffentlicht. Nicht wenig Reklamationen gab's zu erledigen. Und all diese Arbeit doppelt, da die Veranstaltung im letzten Moment verschoben werden mußte infolge
Verlegung der Konfirmation. Trotzdem ging's mit frischem Mut vorwärts, der Ausschuß & seine Gehilfen waren feste am Werk. Bereits noch einmal soviel Boxen mußten neu hergestellt werden, es war
dies keine kleine Arbeit & trotzdem war es möglich, am 11. April nachts um 11 Uhr den letzten Nagel zu schlagen. Alles war mustergültig angelegt. Die Turnhalle mußte einen würdigen Eindruck auf
die Besucher machen. Unseren Helfern noch einmal besten Dank.
Der Tag selbst verlief ohne besonderen Zwischenfall. Die Kasse war in guten Händen unseres Mitglieds O. Ansel. Die Herren vom Ausschuß hielten strenge Kontrolle über alles, was vor sich ging. Im
Geschäftszimmer lief der Schweiß zu Boden. Den Richtern wurde z. T. sehr gutes Material vorgeführt. Mit der Anzahl der Preise ging der Verein sehr weit, so daß selbst Herr Bazille (Vorsitzender des
Bundes) erstaunt war über den großen Gabentempel. ..."
Wen wundert es, daß nach einer solch erfolgreichen Schau, die mit viel Arbeit verbunden war, der Ruf nach einer „Siegesfeier" laut wird. Der Verein macht daher am 14. Oktober 1925 einen großen Ausflug mit Automobil, der erste, der in den Vereinsunterlagen erhalten geblieben ist.
Für den Herrenberger Verein für Hundezucht und -sport war das Jahr 1925 zweifellos sehr erfolgreich. Die Anstrengungen dafür müssen enorm gewesen sein. Deshalb ist es nur natürlich, daß die
folgenden Jahre etwas ruhiger zugehen. Der Schriftführer Sportfreund Greiß sagt in seinem Jahresbericht über 1926 ganz offen:
"Es liegt kein Arbeitsjahr hinter uns, sondern ein Ruhejahr."
Die letzten Jahre des 20. Jahrzehnts werden vorwiegend dazu benutzt, „einiges zu bereinigen" und den Verein selbst wirkungsvoller zu gestalten.
So lesen wir aus den jeweiligen Berichten der Schriftführer und der Kassiers, daß „Karteileichen" und extrem säumige Beitragszahler den Verein verließen. Ende 1926 gibt es noch 74 Mitglieder, weil
23 Mitglieder wegen wiederholter Beitragsverweigerung ausgeschlossen wurden. Weitere Bereinigungen werden in den folgenden Jahren vorgenommen, aber natürlich wird auch in jeder Versammlung - wie
damals üblich - über alle Neueintritte berichtet, und das sind nicht wenige. Die Mitgliederzahl dürfte Ende der Zwanzigerjahre bei etwa 100 Mitgliedern gelegen haben. Viel wichtiger ist dem Verein in
jenen Jahren aber nicht die Mitgliederzahl, sondern die Rassezucht:
"Es gibt nur noch wenige Mitglieder, die nicht im Besitz eines rassereinen Hundes sind",
steht im Protokoll der Hauptversammlung Anfang 1928.
Der Zusammenschluß der Vereine in Herrenberg, Rottenburg und Tübingen zum Ammer-Neckargau hat anscheinend auch nicht das gebracht, was man sich erhoffte. Die einzelnen Vereine wollten sich wohl
nicht den Gau-Interessenten unterordnen. 1927 ist dann das Ende des Ammer-Nekkargaus. Aus Herrenberger Sicht machten Tübingen und Rottenburg zuviele Schwierigkeiten. In der letzten Gauversammlung muß
es recht lautstark zugegangen sein. Über das Ende des Gaus Oktober 1927 berichtet der Schriftführer:
"... aber nie konnte es (in Gauangelegenheiten) zu einem Resultat kommen, da die Tübinger immer die Beleidigten spielten, bis in der vor kurzem in Rottenburg abgehaltenen Sitzung die Bombe platzte.
Der Antrag von Angele aus Tübingen, den Gau aufzulösen, wurde einstimmig angenommen. Obwohl die Tübinger versuchten, den Antrag wieder rückgängig zu machen, wurde dies von unserem Vorsitzenden
abgelehnt."
Kleine Anmerkung am Rande: Die Tübinger Hundefreunde waren so sauer, daß sie bei der Auflösung auf ihren Anteil an der Gaukasse verzichteten.
Aber es gibt auch eine Reihe von erfreulichen, wenn auch kleineren Ereignissen in dieser Zeit. Z. B. wird beschlossen, für zukünftige Hundeveranstaltungen größeren Umfangs 100 Hundeboxen anzuschaffen. Man hat offenbar einiges vor für die nächsten Jahre. Leider ist nicht viel daraus geworden, weil in der nationalsozialistischen Zeit andere Prioritäten gesetzt werden.
1927 findet in Kuppingen eine Dressurvorführung mit fünf Hunden statt. Der Leiter der Vorführung ist Wilhelm Rivinius, der es glänzend versteht, die Zuschauer mit seinen Erläuterungen zu fesseln. Das ist auch notwendig, denn die Demonstration findet bei strömendem Regen statt.
Im folgenden Jahr übernimmt Eduard Greiß den Vorsitz. Er hatte sich seit Gründung immer aktiv für den Verein in unterschiedlichen Funktionen eingesetzt. Er selbst ist begeisterter Züchter von Dobermann und Airedaleterrier. Die älteren Herrenberger kennen noch seinen Zwinger am Wengertweg, wo die Hunde neben den Hühnern herumliefen. Greiß leitet nun viele Jahre die Vereinsgeschicke. Die Zeitumstände machen es ihm nicht leicht, wir werden noch davon lesen.
Über Hundeausstellungen in Herrenberg in den letzten Jahren des Jahrzehnts wird nichts berichtet. Die Sportfreunde nehmen aber viel an auswärtigen Schauen teil. Auch für 1930 - dem zehnjährigen Jubiläum - wird zwar eine Ausstellung in Herrenberg geplant, aber über die tatsächliche Durchführung liegt kein Zeugnis vor. So ist denn anzunehmen, daß die Sportfreunde eine zünftige Jubiläumsfeier ohne Hunde abgehalten haben. Über die Generalversammlung für das Jahr 1932, die im Februar 1933 stattfindet, liegt ein ausführliches Protokoll vor. Darin wird betont, daß der Verein alles getan hat, um die Zucht reinrassiger Hunde zu fördern. Für besonders erwähnenswert hält es der Schriftführer, daß ein Mitglied einen erstklassigen reinrassigen Bernhardiner erworben hat. Aber über eine Ausstellung - wie in fast allen früheren Jahren - kann nicht berichtet werden.
Erfreuliches liest man über die Dressurabteilung: Wachtmeister Schelling hat im Herbst 1932 einen Übungskurs mit 5 - 6 Hunden erfolgreich abgehalten. Der Schluß des Protokolls weist dann
zeittypisch auf die großen Gegenwartsprobleme und auf die Hoffnungen für die Zukunft hin:
"Aus den Reihen der Mitglieder mußte mit großem Bedauern vernommen werden, daß mancher alte Hundefreund, der arbeitslos ist, seinen vierbeinigen Freund verkaufen oder töten mußte, weil es ihm nicht
mehr möglich ist, die hohe Hundesteuer zu bezahlen. Mit dem Wunsche, daß unsere Rassezuchtvereine im kommenden Jahr arbeitsfähig bleiben und der Wiederaufstieg der deutschen Hundezucht nicht mehr
allzuferne ist, schloß der Vorsitzende die Generalversammlung."
Der Sonnenplatz in den 30er Jahren -schon autogerecht mit Kreisverkehr und Zapfsäule
Trotz aller Schwierigkeiten wird die Geselligkeit im Verein immer groß geschrieben, was sich ja bis heute erhalten hat. Mit einer kleinen Begebenheit zum Thema Geselligkeit wollen wir daher das Jahr 1932 schmunzelnd abschließen:
Da treffen sich also einige Vereinsmitglieder am 29. Juni 1932 abends in einem Gasthaus in Kuppingen. Es muß sehr lustig zugegangen sein, denn nachts um 0.30 Uhr fahren die Sportfreunde laut
singend im Kraftwagen des G. H. nach Hause. Der Nachtwächter von Kuppingen gibt dann später zu Protokoll:
"Der G. H. hat auf der Ortsstraße von Kuppingen die Nachtruhe dadurch stören lassen, daß er als verantwortlicher Lenker seines Kraftwagens die Fahrgäste singen ließ. Dafür bekommt G. H. vom
Bürgermeister von Kuppingen eine Strafe von 5 RM aufgebrummt."
Der Verein übernimmt diese Strafe, schließlich war es ja eine Vereinsveranstaltung. Das vermerkt dann der Kassier in seinem Rechenschaftsbericht auch gewissenhaft als Einzelposten.
Die NS-Zeit......
Am 30. Januar 1933 übernimmt der Diktator Hitler die Regierung in Deutschland. Er behauptet, für alle Arbeit beschaffen zu können, er verspricht, die politische und wirtschaftliche Ordnung in Deutschland wieder herzustellen und vieles andere mehr.
Wir wissen heute natürlich, daß das gar nicht so einfach ist, und daß Hitler und seine Mannschaft uns betrogen haben. Aber damals - in einer Zeit katastrophaler Arbeitslosigkeit - hoffen und glauben viele an die Prophezeiungen Hitlers.
Kein Wunder, daß bei der ersten Reichstagswahl am 5. März 1933 im Oberamt Herrenberg 57,8 % der Wähler für Hitlers Partei stimmen. Konsequent beschließt der Gemeinderat am 24. März, den Hasenplatz in den Adolf-Hitler-Platz umzubenennen. Hitler wird Ehrenbürger von Herrenberg. 1945 wird beides schnell wieder aufgehoben.
Was hat das nun mit Hundezucht und - sport zu tun? Zunächst sieht es so aus, als könne das Vereinsleben unbeeinflußt von den politischen Ereignissen weiterlaufen. Beispielsweise nehmen zahlreiche Herrenberger Hundefreunde an der großen Jubiläumsveranstaltung des Bundes württembergischer kynologischer Vereine in Stuttgart im April 1933 teil. 800 Hunde werden vorgeführt. Abordnungen aus der Schweiz, Osterreich, Holland und aus allen deutschen Gauen sind vertreten. Das Reiterregiment Nr. 18, so heißt es im Zeitungsbericht, beteiligt sich mit einer zehnköpfigen Koppel englischer Foxhunde. Beim Festabend hält der Vorsitzende, Oberinspektor Bazille, einen viel beachteten Grundsatzvortrag. (Bazille hatte seinerzeit auch mitgeholfen, den Herrenberger Verein aus der Taufe zu heben). Der Vorsitzende geißelt vor allem die viel zu hohe Hundesteuer. Tatsächlich verspricht dann auch Stuttgart, die Steuer zu senken. Zu diesem Zeitpunkt hat Herrenberg - verglichen mit anderen Städten - einen sehr niedrigen Steuersatz: 20 RM für den ersten Hund, 40 RM für den zweiten, 60 RM für jeden weiteren.
Aber schon Mitte des Jahres gibt es Anzeichen dafür, daß die neuen Machthaber auch das Vereinsleben beeinflussen. Zuerst finden wir eine schriftliche Einladung vom 14. August 1933 an die Ausschußmitglieder zu einer Sitzung am gleichen Abend. Solche Einladungen erfolgten bisher immer mündlich. Auf der Einladung steht keine Tagesordnung, auch ein anschließendes Protokoll ist nicht vorhanden; beides ist unüblich. Es muß also so etwas wie eine geheime Sitzung gewesen sein, bei der es um eilige wichtige Dinge gegangen ist.
Das Geheimnis lüftet sich zwei Wochen später, als Herr Bazille einen Rundbrief an alle Vereine des Württembergischen Verbandes schickt mit dem Inhalt:
"1. Der Bund württembergischer kynologischer Vereine wird aufgelöst. Die letzte Ausstellung findet am 10. September in Heilbronn statt. Danach erfolgt die Auflösung in einer außerordentlichen
Hauptversammlung.
2. Alle Vereine haben sich beim Reichsverband für das Hundewesen anzumelden.
3. Die Satzungen der Vereine werden im wesentlichen aufgehoben. Vorstände in der bisherigen Form gibt es nicht mehr."
Es gibt also jetzt einen Reichsverband für das Hundewesen, kurz RH genannt. Sämtliche Hundezucht- und Hundesportvereine sowie Jagdhundevereine sind in diesem Verband zusammengefaßt. Die bisherigen regionalen Verbände, wie z. B. den württembergischen kynologischen Bund, gibt es nicht mehr.
Der Präsident des RH ist zunächst der damals bekannte Bernhardinerzüchter Hans Glockner, aber bald übernimmt SA-Obergruppenführer Amo Manthey in Frankfurt/Oder diese Funktion. An ihn berichten 16 Landesverbände, einer davon, nämlich der Landesverband V umfaßt den Raum Baden/Württemberg. Die einzelnen Vereine behalten zwar ihren Namen, aber mit einem Zusatz. Also: Verein für Hundezucht und -sport Herrenberg, Ortsgruppe des RH.
"Die Vereine müssen sich beim RH anmelden und angeben:
- den Namen des Führers,
- den Namen des Stellvertreters und
- ein bis zwei Beisitzer."
Statt eines Vorsitzenden also ein Führer! Einen Vorstand oder Ausschuß - wie bisher - darf es nicht mehr geben. Versammlungen finden zwar noch statt, aber die Mitglieder dürfen sich nicht mehr aktiv beteiligen durch Abstimmungen, Anträge oder ähnlichem.
Nun ist die politische Veränderung bis in den Herrenberger Hundeverein vorgedrungen. Grundsätzlich sind alle Vereine in Deutschland, unabhängig von ihrer Art, davon betroffen. Die deutsche Vereinslandschaft mit ungezählten örtlichen Vereinen gibt es nicht mehr. Die vielen in den einzelnen Regionen selbständigen Dachverbände werden aufgelöst.
Das Ziel ist klar: Die neuen Machthaber wollen das schwer zu kontrollierende Eigenleben der Vereine möglichst verhindern. Kritische Vereinsfreunde, die etwa gegen das Hitler-Regime sind, sollen in ihren Vereinen keine Plattform haben. Stattdessen werden an die Reichsspitze Leute gesetzt, auf die sich Hitler hundertprozentig verlassen kann. Sie steuern das Geschehen durch Befehle und Anordnungen. Davon ist auch beim RH und seinem Präsidenten Manthey auszugehen.
Die einzelnen Verbände und Vereine wissen sich natürlich zu helfen: Die bisherigen Vorsitzenden bleiben auch weiter im Amt, auch wenn sich die Aufgaben verändern.
Den Landesverband V des RH führt der bisherige Vorsitzende des Bundes württ. kynologischer Vereine, Franz Bazille. Den Herrenberger Verein führt der bisherige Vorsitzende Eduard Greiß. Dadurch ist eine gewisse Kontinuität gesichert.
Trotzdem: Die Begeisterung für ihr „Hobby", wie wir jetzt sagen, läßt nach. Initiative, Ideenreichtum, Aktivitäten verkümmern, wenn letzten Endes nur ein unbekannter Präsident des RH wichtige Entscheidungen treffen darf.
Da ja auch fast nichts mehr in den Vereinen zu beschließen ist, finden keine Versammlungen mehr statt, jedenfalls sind keine Protokolle zu finden.
Natürlich wird hin und wieder eine Hundeausstellung durchgeführt; beispielsweise lädt die Fachgruppe Reutlingen der deutschen Schäferhunde am 2. April 1934 zu einer Katalogschau ein. Über Ausstellungen in Herrenberg wird in den noch vorhandenen Unterlagen nicht berichtet.
Stattdessen wird der Herrenberger Hundeverein von den Stadt-Oberen häufig aufgefordert, bei den großen Veranstaltungen der Hitler-Partei mitzumachen. Das klingt dann so (Gäubote vom 20. 6.
1933):
"Sonnenwendfeier am Samstag, 24. Juni auf dem Alten Rain. Alle Parteiorganisationen nahmen teil. Außerdem bittet die Ortsgruppe sämtliche Vereinsvorstände, sich recht zahlreich mit ihren Vereinen an
der Feier zu beteiligen."
Während des Krieges 1939 -1945 kommen die Aktivitäten der Hundefreunde nach und nach ganz zum Erliegen. Die letzte Hundeschau ist am 30. und 31. August 1941 in Stuttgart, es ist eine
Reichssiegerausstellung mit wertvollen Preisen von Regierung und Partei. 153 Hundezüchter sind vertreten, jeder von ihnen mußte vorher bestätigen, daß er kein Jude ist. Wir wollen dieses unrühmliche
und unwürdige Kapitel mit dem Hinweis darauf beschließen, daß ganz selten einmal die damalige zentrale Führung auch von Vorteil sein konnte. Da schreibt doch am 3. Oktober 1939 der Reichsführer SS
und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, an alle Bürgermeister (und wenn der etwas schrieb, war das so gut wie ein Befehl):
".. . zahlen die Ortsgruppen des RH für das von den ... Gemeindebehörden ihnen zu Übungszwecken überlassene Gelände vielfach Pachtbeträge, die in Anbetracht des Landesverteidigungszweckes der Hunde
als viel zu hoch bezeichnet werden müssen.
Ich ersuche (die Bürgermeister), die für Übungszwecke geeigneten Plätze ... den Ortsgruppen des RH kostenlos zu überlassen."
Der Chronist möchte an dieser Stelle sagen, daß er auf diese Unterstützung von oben gern verzichtet, wenn dadurch die Freiheit der Vereine gesichert ist.
Der Aufbau nach dem Krieg.....
Am 8. Mai 1945 schweigen die Waffen des zweiten Weltkrieges. Fast alle Familien haben unter den Folgen zu leiden. Die Männer sind verwundet, in Gefangenschaft oder gefallen. Ganze Städte sind durch Bomben zerstört und müssen wieder aufgebaut werden. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln oder Bekleidung erfolgt nur unzureichend über Lebensmittelkarten und Bezugsscheine. Wer Hunger hat, kauft für teures Geld auf dem Schwarzmarkt dazu. Die Siegermächte haben ganz Deutschland besetzt.
Wen wundert es, daß in dieser Zeit kein großes Interesse an Hundezucht und - sport besteht? Die ständigen Sorgen des Alltags und ihre Behebung sind wichtiger. Über den Verein sind aus dieser Zeit keine Zeugnisse vorhanden. Wahrscheinlich haben nur einige Unentwegte den Verein am Leben erhalten. Das wird erst 1948 besser. Mit der Einführung der DM beginnt der wirtschaftliche Aufschwung. Aber nicht nur deswegen geht es mit dem Verein schnell bergauf, sondern vor allem, weil es engagierte Sportfreunde gibt, die mit viel Begeisterung, Einsatz und Sachverstand dem Verein wieder auf die Beine helfen.
Hier sind in erster Linie Wilhelm Schäfer und Richard Hornberger zu nennen, die sich viele Jahre vorbildlich für den Übungsbetrieb - damals noch auf dem Alten Rain - einsetzen und dem Vorstand zur Seite stehen. Hier ist aber auch der spätere erste Vorsitzende Helmut Simon zu nennen, der schon bald nach der Währungsreform sein Fachwissen und Organisationstalent in den Dienst des Vereins stellt. Ohne ihn sind die zahlreichen Ausstellungen der folgenden Jahre nicht denkbar.
Unermüdlich setzte sich Wilhelm Schäfer beim Wiederaufbau des Vereins nach dem Krieg ein.
So wird denn auch gleich nach 1948 die erste öffentliche Großveranstaltung geplant: Eine Rassehundeausstellung soll im Juli 1949 stattfinden. Der Einladung durch den Verein folgen über 300 Züchter oder Besitzer mit ihren Hunden. Bei der Beurteilung in der Stadthalle sieht man auch Angehörige der Besatzungsmächte mit ihren Hunden. Die Organisation klappt hervorragend. Der Gäubote ist voll des Lobes. Besonders wird hervorgehoben, daß am Nachmittag zur Überraschung der Besucher die vielseitige Arbeit der Dienstgebrauchshunde gezeigt wird.
Vielleicht hat dieser Erfolg auch dazu beigetragen, daß der Herrenberger Gemeinderat bei der Hundesteuer ein Einsehen hat: Sie betrug damals - seit der Einführung der DM - 50 DM für den ersten Hund, noch mehr für weitere Hunde. Der Gemeinderat führt nun - auf Anregung des Hundevereins - zugunsten der Züchter eine Zwingersteuer ein: Für zwei Hunde unter den üblichen Zwingerbedingungen sind zusammen nur 80 DM zu zahlen.
1950 übernimmt dann wieder Eduard Greiß, der langjährige Vereins-Aktive, den Vorsitz. Es ist die Zeit, in der neben der Zucht auch der Hundesport Konturen gewinnt. Unter Greiß' Leitung tritt daher der Verein dem württembergisch-badischen Dressurverband (WBDV) bei, dem Vorläufer des SWHV.
Ende Oktober 1951 soll dann wieder eine große Werbeschau aus Anlaß des 30jährigen Jubiläums des Vereins in Herrenberg stattfinden. Die Vorbereitungen dafür sind enorm: Alle Herrenberger Haushalte werden mit einem Flugblatt informiert. Eduard Greiß schreibt selbst an zahlreiche Hundebesitzer und fordert sie zum Mitmachen auf. Die Veranstaltung soll diesmal im Stadion stattfinden, weshalb sogar der VfL bereit ist, sein geplantes Handballspiel zu verlegen.
Aber dann kommt es ganz anders: Anfang Oktober grassiert in Herrenberg die Maul- und Klauenseuche. Sie flammt über längere Zeit immer wieder auf, sodaß letzten Endes die Ausstellung abgesagt
werden muß. Sie sollte 1952 nachgeholt werden. Aber für 1952 ist ein vereinsinternes Ereignis entscheidend: Nach 30jähriger aktiver Tätigkeit im Verein tritt Eduard Greiß in der Generalversammlung im
Mai 1952 zurück. Sicher ein entscheidendes Datum, hat Greiß doch den Aufbau und die Höhepunkte entscheidend mitgestaltet und die Tiefen mitgetragen. Sein Nachfolger - Dr. Paul Katz - hat es nicht
leicht. Eduard Greiß wird auf derselben Hauptversammlung noch zum Ehrenvorsitzenden gewählt.
Bereits ein Jahr später tritt Dr. Katz wegen Arbeitsüberlastung zurück. Sportfreund Helmut Simon wird 1953 gewählt, der nun für viele Jahre die Geschicke des Vereins erfolgreich leiten wird.
Im selben Jahr 1953 findet zum erstenmal eine Nachtübung statt. Diese neue Veranstaltungsform mit ihrem etwas abenteuerlichen aber nicht ganz ernst zu nehmenden Sport erfreut sich bis heute großer Beliebtheit, wohl weil im großen und ganzen alle Hunde die gleichen Chancen haben.
1955 lädt der Verein zur nächsten großen Rassehundeausstellung ein aus Anlaß seines 35jährigen Jubiläums. Sie findet in und um der Stadthalle statt. Die Schirmherrschaft übernimmt Bürgermeister
Schroth. Er hält auch eine Begrüßungsrede, in der er die Leistungen des Vereins besonders lobt. Danach stellen sich 275 Hunde zur Beurteilung.
Natürlich stellt solch eine Veranstaltung auch immer ein finanzielles Risiko dar. Der Verein muß also kräftig die Werbetrommel rühren, um Spenden oder Ehrenpreise zu bekommen. Helmut Simon hat auch
keine Gelegenheit ausgelassen, um Verbände, Kreis oder Gemeinde zur Unterstützung aufzufordern. Etwas Geld kommt natürlich auch durch die Nenngelder, Eintrittskarten oder durch den Katalogverkauf
zusammen. Bei der Ausstellung 1955 betrugen die Einnahmen 4800,- DM, die Ausgaben 3300,-DM; also Überschuß 1500,- DM.
Im darauf folgenden Jahr 1956 erfahren wir aus den Unterlagen zum erstenmal von einer offiziellen Schutzhundprüfung. Am 30. 9. 1956 beurteilt der Leistungsrichter Alois Rettenmaier fünf SchH I Hunde und einen SchH III Hund. Leider ist das Ergebnis nicht bekannt.
Die nächste große Rasseschau wird im April 1961 in Herrenberg durchgeführt. Diesmal sind 656 Hunde in der Stadt- und Mehrzweckhalle zu beurteilen. Es muß schon eine enorme Anstrengung gewesen sein, diese Hundemengen und deren Besitzer zu betreuen und zufrieden zustellen. Aber auch diesmal hat es sich gelohnt. Der Vereinskassier hat eine präzise Abrechnung gemacht, nach der die Einnahmen bei 18100,-DM, die Ausgaben bei 12300,- DM lagen, was zu einem erfreulichen Überschuß von 5800,- DM führt.
Im Jahre 1963 übernimmt der Verein zum erstenmal auf dem Dressurgebiet eine überregionale Veranstaltung. Der WBDV vergibt seine Siegerprüfung an den Herrenberger Hundezucht- und -sportverein. Anfang September ist die dreitägige Veranstaltung. Die 32 besten Hunde aus dem Bereich Württemberg/Baden werden geprüft in „Nasenarbeit", wie man damals die Fährtenarbeit nannte, in Unterordnung und Schutzdienst. Der Stadthallenplatz ist das Hundesportgelände. Die Nasenarbeit erfolgt auf dem Gelände am Affstätter Tal. Natürlich gibt es auch bei dieser Veranstaltung viel Vorarbeit. Die WBDV-Verbandsleitung führt in Herrenberg mehrere Vorgespräche durch und legt im Protokoll bis ins letzte Detail fest, wer was zu erledigen hat. Das Prüfungsgelände muß umzäunt werden. Der Verein muß für 32 Hundeführer und deren Hunde kostenloses Quartier besorgen. Die Richter müssen standesgemäß untergebracht werden. Da mit der Nasenarbeit bereits um 6.00 Uhr früh begonnen wird, muß der Verein für ein „Früh-Frühstück" sorgen. Die schwierigste Aufgabe aber scheint zu sein, daß die WBDV-Siegerprüfung auch ein geselliges Ereignis sein soll. Auch dafür ist der Herrenberger Verein zuständig. Am Samstag abend findet in der Stadthalle ein großer Festabend statt. Das muß gut vorbereitet werden. Den musikalischen Rahmen liefert die Stadtkapelle, bekannte Künstler aus dem Land sorgen für ein abwechslungsreiches Programm. Alles hat geklappt, die Teilnehmer und der Verband sind zufrieden und loben den Herrenberger Hundeverein.
Zwei Jahre darauf ist Herrenberg wieder Austragungsort einer großen internationalen Rassehundeschau. Über 900 Hunde - soviel wie noch nie - werden vorgeführt, ein Beweis dafür, daß Herrenberg ein gern gesehener Austragungsort für Hundeausstellungen ist. Es finden dann noch mehrere Ausstellungen in Herrenberg statt, aber das zweite Bein des Vereins, die sportliche Betätigung mit dem Hund, nimmt immer breiteren Raum ein. Fast jedes Jahr finden Schutzhundprüfungen statt. Auch andere Aktivitäten werden ausprobiert, z. B. 1967 ein Windhundrennen im Stadion. Die Schwerpunkte der Vereinsarbeit müssen daher zwangsläufig breiter gestreut werden. Dazu kommt noch, daß ab Mitte der sechziger Jahre an Übungsplatz und Vereinsheim gearbeitet wird, sodaß die Ausstellungseinsätze weniger werden.
Nur noch einmal, am 3. Mai 1969, ist Herrenberg Ort einer großen internationalen Zuchtschau. Die jetzigen älteren Mitglieder schwärmen immer noch davon. Lassen wir den Schriftführer zu Wort
kommen:
"Nach wochenlanger Organisationstätigkeit und tagelanger intensiver Aufbauarbeit rückten bei strahlendem Sonnenschein morgens um 7 Uhr die ersten Hunde zur internationalen Zuchtschau in das
Stadthallengelände ein. Es war ein großes Stück Arbeit, bis die 926 Hunde von 89 Rassen aus 10 Ländern registriert und in den Boxen untergebracht waren.
Um 9 Uhr begannen die Richter mit der Arbeit. Das Stadthallenvorgelände glich zu dieser Zeit angesichts der Sonnenschirme einem Volksfestgelände. Eine ansehnliche Zahl von Vereinsmitgliedern konnten
mit vorzüglich und bei den Jugendklassen mit der höchstmöglichen Note sehr gut die jeweiligen Ringe verlassen.
Fast pünktlich um 14.30 Uhr begann der Zuchtgruppenwettstreit. Aus den 30 Zuchtgruppen kamen 15 in die Spitzenkonkurrenz. Während ein Richterteam den Zuchtgruppensieger ermittelte und in der
Ringmitte die Preise schon aufgestellt wurden, kam eine Sturmböe und drohte das ganze Schauspiel zu vernichten. Nach einem kurzen Regenguß hellte sich der Himmel wieder auf, sodaß die besten Hunde
bzw. ihre Führer das blaue Band in Empfang nehmen konnten.
Die Ausstellung war für den Herrenberger Hundeverein ein voller Erfolg und für das deutsche Hundewesen eine imposante Demonstration."
Der Verein erhält ein neues Übungsgelände.....
Je mehr sich der Verein dem Sportgeschehen zuwendet, desto wichtiger wird es, daß ein passender Übungsplatz zur Verfügung steht. Dazu gehört natürlich auch ein Vereinsheim. Dies war schon immer
der Wunsch der Vereinsmitglieder, und nach einer Reihe von Vorgesprächen wird das Gelände auf dem Rötelberg ausgeguckt. Das erste schriftliche Dokument datiert vom 25. 10. 1963. Helmut Simon, der 1.
Vorsitzende, schreibt an den Gemeinderat von Affstätt, zu dem der Rötelberg gehört. Damals war Affstätt noch selbständig. Simon schreibt:
"Der Verein für Hundezucht und - sport Herrenberg und Umgebung tritt mit der Bitte an Sie heran, uns zur Anlegung eines Übungsplatzes ein ca. 40 ar. großes Stück am Rötelesberg - Öde mit einem Teil
des Akazienwäldchens - pachtweise zu überlassen. ... Es ist beabsichtigt, den Platz einzuzäunen und ein Gerätehaus zu errichten. ..."
Der Gemeinderat von Affstätt ist nicht einverstanden, ist aber wohl auch nicht genau darüber informiert, was so ein Hundeverein macht. So schreibt Helmut Simon Anfang 1964 noch einmal an den
Bürgermeister von Affstätt und an den Gemeinderat. Er schlägt vor, daß er selbst in der Gemeinderatssitzung das Vorhaben erläutert. Sollte demnächst keine Sitzung stattfinden (!), wäre der Verein
bereit, die Kosten für eine Sondersitzung zu übernehmen. Im Zusammenhang mit dem geplanten Vertrag entschließt sich der Verein auch, beim Amtsgericht die Eintragung in das Vereinsregister zu
beantragen.
Ab Dezember 1963 erhält der Verein also den Zusatz „e. V.".
Undokumentiert haben sicher viele Gespräche stattgefunden, es mußten viele Vorurteile abgebaut werden, bis schließlich am 6. Mai 1964 die feierliche Unterzeichnung des Pachtvertrages erfolgen kann. Dann geht es Schlag auf Schlag. Das Gelände muß eingeebnet werden. Der Pachtvertrag sieht vor, daß dafür nur Aushub aus Affstätter Gemarkung genommen werden darf. Irgendwann hat das mal nicht geklappt, weshalb es eine Beschwerde des Bürgermeisters in offizieller Form gibt, wegen Verletzung des Pachtvertrages. Helmut Simon hat das ausgebügelt.
Parallel dazu wird auch gleich an den Bau des Vereinsheims gegangen. Bürgermeister Schroth von Herrenberg wird eingeschaltet, seine Stadt soll auch etwas für die Hundesportler tun. Der Herrenberger Gemeinderat beschließt daraufhin, fünf fm Fichten-Nutzholz zur Errichtung eines Vereinsheims kostenlos zu überlassen und es auch anzufahren.
Man darf sicher davon ausgehen, daß zahlreiche Mitglieder, ihren Fähigkeiten entsprechend beim Bau des Vereinsheims mitgeholfen haben. Jedenfalls spricht Helmut Simon auf der Hauptversammlung Anfang 1965 allen Helfern und Spendern Dank für den umfangreichen Einsatz am Bau aus. Dadurch fallen fast keine Arbeitskosten an.
Bereits Anfang 1965 beantragt der Verein die Schankerlaubnis im neuen Vereinsheim, weil nämlich noch 1965 die Eröffnung sein soll. Wieder lehnt der Gemeinderat Affstätt ab. Aber später wird diese Erlaubnis dann doch nachgeholt.
Der Bau verzögert sich, aber immerhin kann am 5. Juni 1966 die offizielle Einweihung in Anwesenheit von Oberbürgermeister Schroth und dem Bürgermeister a. D. Sattler von Affstätt erfolgen. (Affstätt ist inzwischen eingemeindet).
Vereinsheim und Übungsplatz
Der nun fertiggestellte Bau ist der vordere Teil des jetzigen Vereinsheims, natürlich zunächst ohne Wasser und Strom. Die Wasserversorgung wird erst viel später, nämlich 1969, mit der zuständigen Gemeinde Nufringen geregelt. Der Stromanschluß erfolgt erst 1976, also nach zehn Jahren. Das bis dahin benutzte Stromaggregat wird für 1500,- DM an den Tennisclub Deckenpfronn verkauft. Es stellt sich schon bald heraus, daß das Vereinsheim bei der steigenden Mitgliederzahl zu klein sein wird. Beispielsweise finden die Generalversammlungen nach wie vor in den Gaststätten der Mitglieder statt.
So werden denn 1970 Baupläne für den jetzigen hinteren Teil des Vereinsheims erstellt. Nachdem die Baugenehmigung erteilt ist, wird eine außerordentliche Hauptversammlung Oktober 1970 einberufen, weil es ja wieder einmal um viel Geld geht. Die Versammlung stimmt der Erweiterung einstimmig zu, die notwendigen 5 bis 6000 DM sollen durch „Bausteine" aufgebracht werden: Alle Mitglieder und Freunde des Hundesports sollen Bausteine kaufen im Mindestwert von je 10,DM.
Im März 1971 wird mit dem Erweiterungsbau begonnen, und bereits am 2. und 3. Oktober kann eine großartige Einweihungsfeier stattfinden. Viel Prominenz ist da, Abgeordnete von allen Hundevereinen aus der Nachbarschaft sind gekommen, über 100 Gäste verzeichnet das Protokoll. Für die musikalische Umrahmung sorgt die Stadtkapelle. Bei dem Festakt am Sonntag, 3. Oktober, werden viele feierliche Reden geschwungen.
Spätestens von da an ist natürlich die Bewirtung des Vereinsheims ein ständiges Thema. So ist denn der Verein gut beraten gewesen, als er Berta und Otto Kaupp 1973 die Bewirtschaftung sozusagen eigenverantwortlich überträgt. Später übernehmen dann für längere Zeit Gerda und Wolfgang Probst diese Aufgabe, und schließlich für etliche Jahre Emmi und Karl Böckle. Auch jetzt, im Jubiläumsjahr, ist das Vereinsheim wieder in guten Händen.
Natürlich werden auf dem Übungsgelände auch Feste gefeiert. Zur Tradition werden die jährlichen Sommerfeste. Dazu werden in den ersten Jahren Festzelte aufgestellt. Das war sehr mühsam, arbeitsaufwendig und manchmal auch teuer. So kam der Gedanke auf, auf dem Gelände eine größere Hütte zu bauen, in der die Sommerfeste gefeiert werden können. Und zum Unterstellen bei Regenwetter ist sie dann ja auch geeignet.
1978 tauchten dazu die ersten Pläne auf, im April 79 liegt die Baugenehmigung vor, und bereits Ende Juni ist der Bau errichtet, gerade rechtzeitig, damit in der Hütte das 60jährige Vereinsjubiläum im Rahmen des Sommerfestes gefeiert werden konnte. (Erst viel später wird bemerkt, daß ein Jahr zu früh gefeiert wird). Die Kosten für die Schutzhütte betragen ca. 9000,- DM, das Geld kommt zum größten Teil daher, daß hilfsbereite Vereinsmitglieder beim Aufbau von Festzelten der Firma Marquart in der Umgebung helfen. Die Hütte wird auch von anderen Vereinen - gegen Bezahlung - gern benutzt. Auch Firmengruppen feiern hier ihre Sommerausflüge. Das Jahr 1994 bringt wieder ein neues Bauvorhaben: Es fehlt an Abstellflächen für Geräte zur Platzpflege, eventuell auch Fahrzeuge, größere Sportgeräte usw. So wird denn in diesem Jahr hinter dem Vereinsheim eine Doppelgarage gebaut, die bis zum Herbst fertiggestellt ist.
Der Verein im Jubiläumsjahr 1995.....
Der Verein hat nun seit Mitte der sechziger Jahre ein eigenes Übungsgelände. Er wird von vielen Nachbarvereinen darum beneidet. Unterordnung und Schutzdienst werden regelmäßig geübt. Für die Fährtenarbeit gibt es rund um das Gelände gut geeignete Wiesen und Äcker. Sonntags und ein- bis zweimal in der Woche üben die Hundesportler. Wer dabei zugucken will - und es sind bei schönem Wetter oft recht viele - sitzt im Vereinsheim oder vor dem Haus.
Der Leistungssport mit Hunden beginnt in Herrenberg gegen Ende der 50er Jahre. Zunächst in unregelmäßigen Abständen finden SchH-Prüfungen statt. Beispielsweise wird am 17. 11. 1963 eine Schutzhundprüfung auf dem Alten Rain abgehalten, das eigene Vereinsgelände gibt es ja noch nicht. Eugen Amann siegt mit 270 Punkten.
1967 werden bereits eine Frühjahrs- und eine Herbstprüfung abgehalten. Im Herbst 1969 wird mit Leistungsrichter Erich Wolf eine Schutzhundprüfung mit 10 Hunden absolviert.
Ab 1975 finden ganz regelmäßig Frühjahr- und Herbstprüfungen statt, deren Ergebnisse dann zu einer jährlichen Vereinsmeisterschaft zusammengezählt werden.
Zum Aufstieg des Hundesports hat auch beigetragen, daß der Dressurverband WBDV neu organisiert wird. Er heißt jetzt Südwestdeutscher Hundesportverband (SWHV) und ist sehr straff organisiert. Seit 1979 gehört Herrenberg zur Kreisgruppe 9 dieses Verbandes, deren Vereine räumlich eng beieinander liegen. Dadurch lernt man sich besser kennen, besucht sich häufiger, kann eher an Auswärtskämpfen teilnehmen. Es ist besonders zu erwähnen, daß Sportfreund Rudolf Weiß Anfang der 80er Jahre an der Deutschen Meisterschaft in Holzwickede bei Dortmund teilnimmt und dort unter den 72 Teilnehmern den beachtlichen 22. Platz erringt.
Neben dem Leistungssport entwickelt sich in den 70er Jahren auch der Breitensport, der dazu führt, daß immer mehr Jugendliche Freude am Hundesport finden. Inzwischen gibt es auch auf diesem Gebiet regelmäßige Turniere.
Der Verein hat sich auch immer wieder an die Hundebesitzer gewandt, die nicht im Verein aktiv sind. Dies war wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit und für potentielle neue Mitglieder. So gibt es Anfang 1980 einen achtwöchigen Kursus mit dem Titel „Alles über den Hund", Theorie und Praxis der Hundehaltung. 25 Hunde nehmen daran teil. Zwei Jahre später werden zehn Anfängerhunde zu Begleithunden ausgebildet. Dafür gab es inzwischen eine extra Prüfungsordnung. Heute wird ein- bis zweimal in der Woche Basisausbildung angeboten.
Bei all diesen sportlichen Aktivitäten kommt das Gesellige aber nicht zu kurz. Jedes Jahr gibt es - der Jahreszeit entsprechend - Anfang Januar einen Familiennachmittag, dann ein Faschingsfest, eine Maiwanderung, meist im Herbst ein Ausflug und schließlich im Dezember eine Nikolausfeier für die Kleinen. Über das Sommerfest wurde schon berichtet.
Zur Geselligkeit trägt sicher auch bei, wenn sich immer wieder Vereinsmitglieder bereit erklären, mit ihrem Einsatz die Kasse zu füllen, z. B. durch Zeltaufbau, durch Altpapiersammlungen oder durch Nachtwachen beim Weihnachtsmarkt. Hier dürfen wir auch nicht unsere Partnerschaft mit den Hundefreunden der Partnerstadt Tarare vergessen. Sie kamen etwa alle zwei Jahre zu uns nach Deutschland, die Herrenberger besuchten sie in Frankreich in gleichen Abständen. Seit der Öffnung der Mauer 1989 hat sich eine zweite Partnerschaft mit dem Hundeverein Neusiß in Thüringen entwickelt. Es gibt jedes Jahr einen Vergleichskampf, in dem um einen Wanderpokal gekämpft wird.
Die Stadtoberhäupter Dr. Gantner (Herrenberg) und Besson (Tarare) besuchten am 14. Mai 1988 den Verein.
Viele dieser hier geschilderten Begebenheiten sind den jetzigen rund 230 Mitgliedem so geläufig, daß keine weiteren Einzelheiten erforderlich sind. Aber zum Schluß sei noch einmal darauf hingewiesen, daß ein großer Teil dieser Aufbauarbeit und ein Großteil der Erfolge unseres Vereins einem Mann zu verdanken ist, der fast 26 Jahre die Geschicke des Vereins geleitet hat: Helmut Simon hat wenige Jahre nach dem Krieg den Vorsitz übernommen. Er hat die vielen Ausstellungen vorbereitet, den Erwerb des Übungsgeländes gegen alle Widerstände durchgesetzt, den Bau des Vereinsheims geleitet und den Übergang zum Leistungssport gefördert. Als er sich Anfang der achtziger Jahre zurückzog, wurde er ohne Gegenstimme zum Ehrenvorsitzenden gewählt.
Ehrenvorsitzender Helmut Simon hat viele Jahre die Vereinsgeschicke geleitet
Hundesportverein Herrenberg e.V.

